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Vogelkirsche
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Die Vogelkirsche (Prunus avium) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Prunus in der Familie der RosengewĂ€chse (Rosaceae). Der Namenszusatz avium leitet sich vom lateinischen Wort avis fĂŒr Vogel ab und bezieht sich auf die FrĂŒchte, die gern von Vögeln gefressen werden. Doch auch der Mensch isst gerne die FrĂŒchte der Vogelkirsche, insbesondere die von Zuchtformen.
Von der Wildform Wilde Vogelkirsche (Prunus avium subsp. avium) sind die Zuchtformen Knorpelkirsche (Prunus avium subsp. duracina) und Herzkirsche (Prunus avium subsp. juliana) abgeleitet. Diese kultivierten Formen sind vor allem durch gröĂere BlĂ€tter sowie gröĂere und sĂŒĂere FrĂŒchte ausgezeichnet und werden im Allgemeinen als SĂŒĂkirsche bezeichnet.
Contents
âą Beschreibung
âą Ăkologie
âą Verbreitung
âą Lebensraum
âą Systematik
âą Nutzung
âą Sorten
âą Baum des Jahres
âą Wortherkunft
âą Brauchtum
âą Siehe auch
âą Belege
âą Literatur
âą Einzelnachweise
âą Weblinks
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Beschreibung
Vegetative Merkmale
Die Vogelkirsche ist ein sommergrĂŒner Baum, der Wuchshöhen von 15 bis 20, selten bis zu 30 Metern erreicht. Der Stammdurchmesser erreicht ĂŒber 60 Zentimeter, selten bis ĂŒber 1 Meter, manchmal auch bis ĂŒber 1,5 Meter.cite-ref-1[1]cite-ref-2[2]cite-ref-3[3]
Die Rinde junger Zweige ist anfangs grĂŒn, kahl, glatt, lederartig, glĂ€nzend und spĂ€ter rötlich grau gefĂ€rbt. Sie enthĂ€lt breite, rostfarbene Lentizellen, und es sind Querstreifen erkennbar. Die schwĂ€rzliche Borke löst sich waagerecht langsam ab und wird âRingelborkeâ genannt. Wahrscheinlich sind dank dieser Ringelborke die Wildform und die Kulturformen immun gegen Mistelbefall geworden.
Ihre Krone ist breit kegelförmig. Die Zweige sind dick und reichlich mit Kurztrieben versehen. An Langtrieben befindet sich eine Endknospe. Die Winterknospen sind eiförmig ellipsoid. Die wechselstĂ€ndig an den Zweigen angeordneten LaubblĂ€tter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der 2 bis 7 Zentimeter lange, unbehaarte Blattstiel besitzt an seinem oberen Ende zwei rötliche NektardrĂŒsen. In der Knospenlage ist die Blattspreite gefaltet. Die einfache Blattspreite ist mit einer LĂ€nge von 3 bis 15 Zentimetern und einer Breite 2 bis 7 Zentimetern verkehrteiförmig-elliptisch bis elliptisch-eiförmig und am oberen Ende mehr oder weniger lang zugespitzt. Die Basis der Blattspreite ist keilförmig bis gerundet. Der Blattrand ist unregelmĂ€Ăig und grob doppelt gesĂ€gt mit drĂŒsigen Spitzen. Die Blattoberseite ist kahl und frischgrĂŒn, auf der dunkler grĂŒnen Blattunterseite sind die Nerven anfangs leicht behaart. Es sind sieben bis zwölf Seitennerven auf jeder Seite des Hauptnerves vorhanden. Die HerbstfĂ€rbung des Laubes ist intensiv rot und gelb. Die zwei linealen NebenblĂ€tter sind etwa 1 Zentimeter lang mit drĂŒsig gesĂ€gten RĂ€ndern.
Generative Merkmale
An Kurztrieben wird ein kleiner, fast sitzender, doldiger BlĂŒtenstand gebildet, der nur meist drei bis vier (zwei bis sechs) BlĂŒten enthĂ€lt. Dieser weist am Grund kleine, nicht laubblattartige Knospenschuppen auf. WĂ€hrend der BlĂŒtezeit sind die inneren Knospenschuppen zurĂŒckgeschlagen. Die BlĂŒten erscheinen zusammen mit den BlĂ€ttern etwa von April bis Mai. Der abstehende BlĂŒtenstiel ist kahl und 2 bis 6 Zentimeter lang.
Die zwittrige BlĂŒte ist bei einem Durchmesser von 2,5 bis 3,5 Zentimetern radiĂ€rsymmetrisch und fĂŒnfzĂ€hlig mit doppelter BlĂŒtenhĂŒlle. Der kahle BlĂŒtenbecher (Hypanthium) ist kelchförmig und etwa 5 Millimeter Ă 4 Millimeter groĂ. Die fĂŒnf ganzrandigen, lang elliptischen, kahlen und rötlich gefĂ€rbten KelchblĂ€tter sind etwa so lang wie der BlĂŒtenbecher und nach dem AbblĂŒhen zurĂŒckgekrĂŒmmt. Die fĂŒnf freien, weiĂen KronblĂ€tter sind ganzrandig, verkehrt-eiförmig und 9 bis 15 Millimeter lang. Die ungefĂ€hr 20 bis 34 StaubblĂ€tter sind kĂŒrzer als die KronblĂ€tter. Die Staubbeutel sind gelb. Der einkammerige Fruchtknoten ist mittelstĂ€ndig, also nicht mit dem BlĂŒtenbecher verwachsen. Der kahle Griffel ist etwa so lang wie die StaubblĂ€tter.
Die BlĂŒtezeit reicht von April bis Mai. Bei Ă€lteren, frei stehenden Vogelkirschen können gleichzeitig bis zu einer Million BlĂŒten blĂŒhen.cite-ref-baumdesjahres-4-0[4]
Der Fruchtstiel ist nickend. Die SteinfrĂŒchte sind bei einem Durchmesser von 6 bis 25 Millimetern fast kugelig bis ellipsoid oder eiförmig. Das âFruchtfleischâ ist sĂŒĂ, bei den Wildformen leicht bittersĂŒĂ. Beim lĂ€nglich-eiförmigen und glatten Steinkern reicht die LĂ€nge von 7 bis 9 Millimeter bei den Wildformen, bis zu 9 bis 16 Millimeter bei den kultivierten Formen. Das Endokarp ist glatt. Die FrĂŒchte reifen etwa von Juni bis Juli und fĂ€rben sich dann schwarzrot.
Die Chromosomenzahl betrÀgt meist 2n = 16 (es kommen auch 17, 18, 19, 24, 32 und 36 vor).
Ăkologie
Die Vogelkirsche ist ein anfÀnglich schnell wachsender, winterkahler Laubbaum, der normalerweise Lebensalter von 80 bis 90 Jahren erreicht; sie kann aber bis zu 300 Jahre alt werden.cite-ref-d-ll2011-5-0[5]cite-ref-6[6] Die Herzwurzel der Vogelkirsche ist krÀftig und weitlÀufig, sie bildet eine VA-Mykorrhiza aus.cite-ref-d-ll2011-5-1[5] Vegetative Vermehrung erfolgt sehr reichlich durch Wurzelsprosse, die oft meterweit von der Ausgangspflanze entfernt sind.cite-ref-d-ll2011-5-2[5]
Die Knospenschuppen entsprechen dem Blattgrund; insbesondere an BlĂŒtenknospen findet man, durch ĂbergĂ€nge verbunden, an den innersten Schuppen Spreitenreste.cite-ref-d-ll2011-5-4[5]
Das Herbstlaub ist leuchtend rot. Am oberen Ende des Blattstiels sitzen meist zwei, selten drei, rote, extraflorale Nektarien, an denen Zuckersaft abgegeben wird. Wie schon seit lĂ€ngerem vermutet, handelt es sich dabei um âPolizistenfutterâ fĂŒr Ameisen. Die Nektarproduktion in den DrĂŒsen ist in den ersten Wochen nach dem Knospenaustrieb besonders groĂ und zieht gröĂere Mengen der Ameise Formica obscuripes an, die die jetzt noch kleinen Larven (âRaupenâ) verschiedener Schmetterlinge und anderer Schadinsekten angreifen.cite-ref-d-ll2011-5-5[5]
BlĂŒtenökologisch handelt es sich um homogame nektarfĂŒhrende Scheibenblumen. Die BlĂŒten duften schwach nach Honig. Der Nektar wird vom BlĂŒtenbecher abgesondert; deshalb duftet dieser stĂ€rker als die KronblĂ€tter. FĂŒr BlĂŒtenbesucher, vor allem Bienenverwandte, ist der Nektar leicht zugĂ€nglich. Honigbienen sammeln auch reichlich Pollen; auf dem Körper einer Biene fand man bis zu einer Million Pollenkörner. Die Narbe ist erst 36 Stunden nach der BlĂŒtenöffnung empfĂ€ngnisfĂ€hig. SelbstbestĂ€ubung ist zum Teil erfolgreich. Nach dem AbblĂŒhen wird der BlĂŒtenbecher aufgrund eines ringförmigen Abtrennungsgewebes abgeworfen. Die Vogelkirsche ist nach 20 bis 25 Jahren blĂŒhfĂ€hig.cite-ref-d-ll2011-5-6[5]
Ausbreitungsmechanismen der Diasporen, hier die einsamigen SteinfrĂŒchte, sind: Verdauungsausbreitung durch SĂ€uger, Mundausbreitung beim AbschĂ€len des Fruchtfleischs durch Vögel sowie Versteckausbreitung durch Eichhörnchen und MĂ€use. KernbeiĂer können die Steinkerne knacken.cite-ref-d-ll2011-5-7[5]
Die KeimblĂ€tter ergrĂŒnen nach der Keimung oberhalb des Bodens (epigĂ€ische Keimung).cite-ref-d-ll2011-5-8[5]
Verbreitung
Das natĂŒrliche Verbreitungsgebiet umfasst das submeridionale bis gemĂ€Ăigte Europa, die nördliche TĂŒrkei, Kaukasien, Transkaukasien und den nördlichen Iran. Die nördliche Verbreitungsgrenze liegt im Westen Europas bei ungefĂ€hr 54° nördlicher Breite, im Osten auf einer Linie von Minsk ĂŒber Kursk und Woronesch bis Rostow am Don und im sĂŒdlichen Mittelasien. In Skandinavien ist die Nordgrenze aufgrund der Schwierigkeit, Wild- und Kulturformen zu unterscheiden, unklar. EingebĂŒrgert wurde die Vogelkirsche in Nordafrika, im sĂŒdlichen Turkestan, Vorderindien und im östlichen Nordamerika.
Lebensraum
Die Wilde Vogelkirsche wĂ€chst in krautreichen Laub- und Nadelmischwaldgesellschaften wie Eichen-Hainbuchen-, Buchen-, Ahorn-Linden-Steilhang- oder Erlen-Ulmen-WĂ€ldern. Sie ist eine Charakterart des Carpinionverbandes, in dem sich auch ihr Schwerpunkt befindet. In anderen Waldgesellschaften kommt sie meist nur beigemischt vor. Die Art kann allerdings aufgrund ihrer starken EigenverjĂŒngung dominant regelrechte VogelkirschenwĂ€lder bilden, die zur Umwandlung in terminale Eichen-Buchen-WĂ€lder sehr lange benötigen. Die Vogelkirsche ist als wĂ€rmeliebendes HalbschattengewĂ€chs auĂerdem an WaldrĂ€ndern, in Hecken, auf SteinrĂŒcken, Holunder-Kirschen-, Schneeball-Hartriegel- und Schlehen-GebĂŒschen sowie in höheren Lagen auch in den Vorwaldgesellschaften von RotbuchenwĂ€ldern zu finden. Die bevorzugten Böden sind frische (sickerfeuchte), mittel- bis tiefgrĂŒndige, nĂ€hrstoff- bis basenreiche Lehm- oder Mullböden. In den Alpen erreicht die Vogelkirsche Höhenlagen bis 1700 Meter, im Kaukasus bis 2000 Meter. Die StandortansprĂŒche der beiden Kulturformen sind Ă€hnlich. Die Infektionskrankheit der Gnomonia-BlattbrĂ€une wurde bei Vogelkirschen beschrieben.
Systematik
Die Vogelkirsche wird innerhalb der Gattung Prunus zusammen mit der Sauerkirsche (Prunus cerasus) und der Steppenkirsche (Prunus fruticosa) in die Sektion Cerasus der Untergattung Cerasus gestellt.cite-ref-fischer2008-7-0[7]
Von Prunus avium werden drei Unterarten unterschieden:
âą Die Wilde Vogelkirsche oder Waldkirsche (Prunus avium L. subsp. avium) ist die Wildsippe. Ihre BlĂ€tter sind klein. Die FrĂŒchte sind schwarz, klein und haben einen Durchmesser von weniger als einem Zentimeter. Das Fruchtfleisch schmeckt bittersĂŒĂ und ist nur wenig saftig.
âą knorpelkirsche Die Knorpelkirsche (Prunus avium subsp. duracina (L.) SchĂŒbler et G. Martens), regional auch Krachkirsche, Knubber oder Knupper, hat sehr groĂe BlĂ€tter. Die FrĂŒchte sind meist schwarzrot, manchmal auch weiĂ, groĂ und haben einen Durchmesser von mehr als einem Zentimeter. Das Fruchtfleisch ist gelb oder rot, knorpelig und fest.
âą herzkirsche Die Herzkirsche oder Weichkirsche (Prunus avium subsp. juliana (L.) SchĂŒbler et G. Martens) hat gröĂere BlĂ€tter als die Wildsippe. Die FrĂŒchte sind meist schwarzrot, gelb oder weiĂ und sehr groĂ, ihr Durchmesser betrĂ€gt mehr als einen Zentimeter. Das Fruchtfleisch ist rot oder schwarzrot, weich und sehr saftig.
Wirtschaftliche Bedeutung
Welternte von SĂŒĂkirschen
2022 wurden laut der ErnĂ€hrungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO weltweit 2.765.427 t SĂŒĂkirschen geerntet. Folgende Tabelle gibt eine Ăbersicht ĂŒber die zehn gröĂten Produzenten von SĂŒĂkirschen weltweit, die insgesamt 75,5 % der Gesamtmenge ernteten.
| Rang | Land | Menge (in t ) |
|---|---|---|
| 1 | Turkei TĂŒrkei | 656.041 |
| 2 | Chile Chile | 443.067 |
| 3 | Usbekistan Usbekistan | 216.867 |
| 4 | Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten | 210.190 |
| 5 | Spanien Spanien | 116.070 |
| 6 | Italien Italien | 107.910 |
| 7 | Iran Iran | 105.390 |
| 8 | Griechenland Griechenland | 85.050 |
| 9 | Polen Polen | 76.600 |
| 10 | Syrien Syrien | 71.546 |
| | Summe Top Ten | 2.088.731 |
| | restliche LĂ€nder | 676.697 |
Zum Vergleich: FĂŒr das Jahr 2022 registrierte die FAO fĂŒr Deutschland 38.470 t, fĂŒr Ăsterreich 7.600 t und fĂŒr die Schweiz 5.609 t.cite-ref-fao-8-1[8]
Anbau von SĂŒĂkirschen
kirschenanbauDer Anbau von SĂŒĂkirschen ist in Deutschland flĂ€chenmĂ€Ăig nach dem von Ăpfeln der bedeutendste Baumobstanbau (2022: 5.740 ha). Die ErtrĂ€ge sind niedriger als bei den anderen Baumobstarten (Durchschnitt 2018â2022: 6,41 t/ha), so dass die Erntemengen nach Birnen und Pflaumen/Zwetschgen an vierter Stelle liegen (Durchschnitt 2005â2009: 31.700 t).
Die Erntemengen schwanken und hĂ€ngen stark von der Witterung ab. Die ErtrĂ€ge je Baum schwankten im Zeitraum 1997â2008 zwischen 11,3 kg (1997) und 26,7 kg (2000), 2007 wurden 2,15 Millionen SĂŒĂkirschbĂ€ume im Obstbau genutzt. Kirschen mĂŒssen einzeln von Hand gepflĂŒckt werden, sind nach der Ernte nur kurz lager- und transportfĂ€hig und lassen sich unverarbeitet nicht einfrieren. Ein groĂer Teil der Ernte wird darum sofort zu Konserven, Marmelade, Saft oder Kirschwasser weiterverarbeitet.
Langfristig nehmen die genutzten FlĂ€chen ab (1992: 5.875 ha). Die Besatzdichten nehmen etwas stĂ€rker zu (1972: 194 1/ha; 2007: 392 1/ha), liegen aber deutlich unter dem noch stĂ€rker zunehmenden Durchschnitt aller ObstbĂ€ume (2007: 1.626 1/ha). SĂŒĂkirschen sind daher die gröĂten BĂ€ume im Obstbau. Dies gilt besonders fĂŒr SĂŒddeutschland. Die höchste Besatzdichte mit 998 BĂ€umen je Hektar wurde 2007 in Nordrhein-Westfalen angewandt, die niedrigste mit 279 BĂ€umen je Hektar in Baden-WĂŒrttemberg. In Baden-WĂŒrttemberg, wo mit 2.125 ha 40 Prozent der AnbauflĂ€chen liegen, ist auch der Schwerpunkt des SĂŒĂkirschanbaus in Deutschland. Hier ist langfristig eine Zunahme der FlĂ€che und des Anteils zu verzeichnen (1972: 1.098 ha, 25 %, nur alte LĂ€nder), obgleich die GesamtflĂ€che des Kirschenanbaus tendenziell rĂŒcklĂ€ufig ist.cite-ref-9[9]
Problematischster SchĂ€dling im Kirschanbau ist die Kirschfruchtfliege, da madige Kirschen vom Verbraucher kaum toleriert werden. SchĂ€den an FrĂŒchten und BĂ€umen richten Pilze der Gattung Monilinia an.
Nutzung
Das harte und im Kern rötliche Kirschbaumholz wird vor allem als Furnierholz fĂŒr den Innenausbau sowie insbesondere als Möbelholz verwendet. Als Brennholz spielt Kirschbaumholz dagegen keine wirtschaftliche Rolle.
Die Wildform der Vogelkirsche (Prunus avium) wird oft als Unterlage fĂŒr die Veredelung der Japanischen BlĂŒtenkirsche verwendet.cite-ref-13[13] FĂŒr die Veredelung der Kulturform der SĂŒĂ- und Sauerkirsche wurden im 19. Jahrhundert ebenfalls Wildformen der Vogelkirsche benutzt.cite-ref-14[14] Seit dem 20. Jahrhundert benutzt man speziell, beispielsweise von der East Malling Research Station, selektierte Formen der Vogelkirsche.cite-ref-15[15]
Eine alte Kulturfrucht ist die Kirsche im österreichischen Burgenland, wo sie ursprĂŒnglich in den Weinbergen zwischen den Rebreihen angebaut wurde. Die Sorte Horitschoner Herzkirsche dĂŒrfte aufgrund von Fruchtform, Farbe und Reifezeit der aus Schlesien stammenden Germersdorfer Sorte Ă€hnlich sein. Der Verkauf der Kirschen nach Wien brachte den Weinbauern ein Zusatzeinkommen. Der ebenfalls aus der Herzkirsche hergestellte Horitschoner Herzkirschenbrand wurde aufgrund der langjĂ€hrigen Verarbeitung in dieser Region auch in das Register der Traditionellen Lebensmittel aufgenommen.cite-ref-16[16]
Ăhnlich ist die Situation im Gebiet zwischen den SĂŒdosthĂ€ngen des Leithagebirges und dem nordwestlichen Ufer des Neusiedler Sees, wo sowohl die Leithaberger Edelkirsche in das Register aufgenommen wie auch die Region als Genussregion Ăsterreich registriert wurde.cite-ref-17[17]
Sorten
Es gibt Hunderte Kultursorten der Vogelkirsche, die sich insbesondere durch ihre FrĂŒchte, auch SĂŒĂkirschen genannt, unterscheiden. Hier einige der bekannteren Kulturformen von Prunus avium:
Knorpelkirschen:
âą âAdlerkirsche von BĂ€rtschiâ, eine altbewĂ€hrte Sorte (Synonyme: âOchsenherzkirscheâ, âBesigheimer Kirscheâ)
âą âBadacsonerâ
âą âBadeborner Schwarze Knorpelkirscheâ
âą âBĂŒttners Rote Knorpelkirscheâ, eine anspruchslose und ertragreiche Sorte (Synonyme: âAltenburger Melonenkirscheâ, âQuerfurter Königskirscheâ)
âą âCharmesâ, eine frĂŒhe Sorte (Synonyme: âĂpfeleskirscheâ, âSchönheit v.d.Pfalzâ)
âą âDönissens gelbe Knorpelkirscheâ, eine wĂŒchsige und frostharte Sorte (Synonyme: âBernsteinkirscheâ, âSchwefelkirscheâ, âWachskirscheâ)
âą âFarnstĂ€dter Schwarzeâ, eine Sorte mit sehr aromatischen FrĂŒchten
âą âGeisenheimer Schwarzeâ, eine groĂfrĂŒchtige und reichtragende Sorte
âą âGermersdorferâ (Synonym: âMarmorkirscheâ)
âą âGroĂe Prinzessinâ, gilt als eine der besten Knorpelkirschen (Synonyme: âNapoleonskirscheâ, âKaiserkirscheâ)
âą âGroĂe Schwarze Knorpelkirscheâ, eine der Ă€ltesten und meistverbreiteten Sorten
âą âHedelfingerâ, eine relativ spĂ€t fruchtende und reich tragende Sorte (Synonyme: âWahlerkirscheâ, âSpiegelkirscheâ)
âą âOffenburger SchĂŒttlerâ, eine vorwiegend im Schwarzwald angebaute Sorte
âą âRitterkirscheâ, eine Brenn- und Saftkirsche
âą âSchneiders spĂ€te Knorpelkirscheâ, eine groĂfrĂŒchtige und weit verbreitete Sorte
âą âStarâ, eine groĂfrĂŒchtige Sorte
âą âStarking Hardy Giantâ, eine groĂfrĂŒchtige Sorte
âą âUnterlĂ€nderâ, eine FrĂŒhsorte
âą âVanâ, eine schon jung fruchttragende Sorte
Herzkirschen:
âą âAlmaâ, eine robuste Sorte
âą âAnnabellaâ, eine wĂŒchsige Sorte
âą âBleyhls Brauneâ
âą âBurlatâ, eine frĂŒhe Sorte
âą âCoburger Maiherzâ, sehr alte FrĂŒhsorte unklarer Herkunft
âą âDollesepplerâ, eine anspruchslose Sorte
âą âFranzens Wildeâ, alte Regionalsorte aus Sachsen
âą âFrĂŒhe Rote Meckenheimerâ, eine reichtragende Sorte
âą âFrĂŒheste der Markâ, die frĂŒheste Sorte, nach ihr werden die Kirschwochen festgelegt
âą âKassins FrĂŒheâ, eine starkwĂŒchsige FrĂŒhsorte
âą âKesterter Schwarzeâ, eine alte FrĂŒhsorte vom Mittelrhein
âą âKnauffs Schwarzeâ, eine FrĂŒhsorte
âą âLucienâ, eine Sorte mit sehr saftigen FrĂŒchten (Synonym: âWasserkirscheâ)
âą âMödingerâ, eine alte Einmach- und Saftsorte
âą âPrima Veraâ, eine sehr frĂŒhe Sorte
âą âSchmahlfelds Schwarzeâ, eine im Havelgebiet viel angebaute Sorte
âą âSchwarze Königinâ (Synonym: âSchwarze Kurzstielerâ)
âą âSpitze Brauneâ, eine in Weinanbaugebieten gepflanzte Sorte
âą âTeickners Schwarze Herzkirscheâ, eine mitteldeutsche Sorte
âą âValeskaâ, eine Sorte in nördlichen Anbaugebieten
âą âWerdersche Brauneâ, eine mitteldeutsche Sorte
FĂŒr weitere Sorten, siehe Liste von Kirschsorten.
Baum des Jahres
Am 22. Oktober 2009 wurde die Vogel-Kirsche in Deutschland zum Baum des Jahres 2010 gewÀhlt.cite-ref-baumdesjahres-4-1[4]
Wortherkunft
Der Name Vogelkirsche deutet auf die natĂŒrliche Ausbreitung der Pflanze durch die frĂŒchteverzehrenden Vögel; sie scheiden die Kirschkerne oft andernorts wieder aus, wo sie im gĂŒnstigen Fall keimen. Im botanischen Namen Prunus avium weist der zweite Namensteil, das Epitheton avium (von lateinisch avis âVogelâ), darauf hin. Die ersten Zuchtformen mit gröĂeren und sĂŒĂeren FrĂŒchten waren schon vor rund 2400 Jahren an der SchwarzmeerkĂŒste bekannt, wie aus einem antiken Bericht des Griechen Xenophoncite-ref-18[18] um etwa 370 v. Chr. hervorgeht.
Das deutsche Wort Kirsche (bereits mittelhochdeutsch auch kirsche,cite-ref-19[19] Ă€lter kirse und kĂ«rse, althochdeutsch kirsa) geht auf westgermanisch *kirissa zurĂŒck, lateinisch cerasum auf altgriechisch ÎșΔÏÎŹÏÎčÎżÎœ (kerĂĄsion) fĂŒr die Steinfrucht beziehungsweise kerasĂ©a oder ÎșΔÏαÏáœÏ (kerasos)cite-ref-20[20] fĂŒr den Kirschbaum (Prunus avium).cite-ref-21[21] Verwandt sind französisch cerise, englisch cherry, spanisch cereza und russisch ЧДŃĐ”ÌŃĐœŃ (ÄereĆĄnja). Im heutigen Romanesco heiĂt die Kirsche cerasa, sizilianisch cirasa und piemontesisch ciresa.
Laut Plinius dem Ălteren brachte der Feldherr Lucius Licinius Lucullus, der im Dritten Mithridatischen Krieg 70 v. Chr. u. a. die Stadt Sinope eroberte und spĂ€ter mit Gnaeus Pompeius Magnus das gesamte Königreich Pontos, zu dem die an der SĂŒdkĂŒste des Schwarzen Meeres nahe Sinope gelegene frĂŒhere griechische Kolonie KΔÏαÏοῊÏ, römisch Cerasus, gehörte, von dort erstmals die SĂŒĂkirsche nach Rom und lieĂ um 70 v. Chr. auch KirschbĂ€ume in Italien pflanzen.cite-ref-22[22] Die Römer nannten die Frucht cerasum und den Baum cerasus oder prunus cerasus (âPflaume von Cerasusâ), heute der botanische Name fĂŒr Sauerkirschen.
Brauchtum
Die Vogelkirsche gehört zu den ObstbĂ€umen, die als Barbarazweig verwendet werden können. An Zweigen, die am 4. Dezember (Barbaratag) im warmen Zimmer in die Vase gestellt werden, erscheinen noch vor Weihnachten BlĂŒten.
Siehe auch
Belege
Literatur
âą Li Chaoluan, Jiang Shunyuan, Bruce Bartholomew: Cerasus.: Prunus avium, S. 409, In: Wu Zhengyi, Peter H. Raven, Deyuan Hong (Hrsg.): Flora of China. Volume 9: Pittosporaceae through Connaraceae, Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis, 2003, ISBN 1-930723-14-8 (Abschnitt Beschreibung)
âą Hildemar Scholz, Ilse Scholz: Prunoideae. In: Hildemar Scholz (Hrsg.): Illustrierte Flora von Mitteleuropa. BegrĂŒndet von Gustav Hegi. 2., völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage. Band IV Teil 2B: Spermatophyta: Angiospermae: Dicotyledones 2 (3) (Rosaceae, 2. Teil), Blackwell, Berlin/Wien u. a. 1995, ISBN 3-8263-2533-8.
Einzelnachweise
cite-note-11. â Prunus avium bei Trees and Shrubs Online.
cite-note-22. â Gregor Aas: Die Vogelkirsche (Prunus avium) und ihre Verwandtschaft. LWF-Wissen 65, 2010, Bayerische Landesanstalt fĂŒr Wald und Forstwirtschaft, PDF.
cite-note-baumdesjahres-44. â Vogelkirsche (Prunus avium) â Baum des Jahres 2010. (PDF; 3,5 MB) Förderverein Baum des Jahres e. V., abgerufen am 20. Februar 2023.
cite-note-d-ll2011-55. â Ruprecht DĂŒll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender LĂ€nder. Die hĂ€ufigsten mitteleuropĂ€ischen Arten im Portrait. 7., korrigierte und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2011, ISBN 978-3-494-01424-1.
cite-note-66. â Prunus avium L. (PDF), bei Forstschutz & Dendrologie, ETH ZĂŒrich, 1995.
cite-note-fischer2008-77. â Manfred A. Fischer, Karl Oswald, Wolfgang Adler: Exkursionsflora fĂŒr Ăsterreich, Liechtenstein und SĂŒdtirol. 3., verbesserte Auflage. Land Oberösterreich, Biologiezentrum der Oberösterreichischen Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9.
cite-note-fao-88. Crops Primary > (List)> Cherries. In: Offizielle Produktionsstatistik der FAO fĂŒr 2022. fao.org, abgerufen am 17. April 2024 (englisch).
cite-note-99. â 1977â2010
cite-note-1010. â Gutes Kirschenjahr 2022: Vorjahresernte um mehr als ein Viertel ĂŒbertroffen. Pressemitteilung. Statistisches Bundesamt, 21. September 2022, abgerufen am 20. Februar 2023.
cite-note-1111. â Statistisches Bundesamt: Statistik 41231 : Baumobstanbauerhebung, Tabelle 41231-0003 : AnbauflĂ€che, BĂ€ume (Baumobstanbau): BundeslĂ€nder, Jahre, Obstarten
cite-note-1212. â Helmut Horn, Cord LĂŒllmann: Das groĂe Honigbuch, Kosmos, Stuttgart 3. Aufl. 2006, S. 31. ISBN 3-440-10838-4
cite-note-1313. â BlĂŒtentrĂ€ume in Pastell â Zierkirschen (Prunusarten) im Hausgarten (Memento vom 12. Januar 2012 im Internet Archive)
cite-note-1414. â Hermann JĂ€ger, Julien-Alexandre Hardy: Der praktische ObstgĂ€rtner, Band 1; S. 34 (eingeschrĂ€nkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
cite-note-1515. â Eduard Lucas, Fritz Winter, Robert Silbereisen: Lucasâ Anleitung zum Obstbau, 1992, S. 96
cite-note-1616. â Horitschoner Herzkirschenbrand (Memento vom 4. Februar 2020 im Internet Archive). Eintrag Nr. 35 im Register der Traditionellen Lebensmittel des österreichischen Bundesministeriums fĂŒr Landwirtschaft, Regionen und Tourismus.
cite-note-1717. â Leithaberger Edelkirsche. Eintrag Nr. 78 im Register der Traditionellen Lebensmittel des österreichischen Bundesministeriums fĂŒr Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft.
cite-note-1919. â Gundolf Keil: Die âCirurgiaâ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 408 (Kirsche: Frucht von Prunus cerasus L. oder von Prunus avium L.)
cite-note-2020. â Vgl. Liddell-Scott, Eintrag ÎșΔÏαÏáœÏ (kerasos).
cite-note-2121. â Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 23. Auflage, Berlin 1995, S. 443.
cite-note-2222. â Plinius: Naturalis historia, XV.30.
Weblinks
Commons
: Vogel-Kirsche (
Prunus avium
)
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Kompendium zur Vogelkirsche â LWF-Wissen 65 Informationen zu Waldforschung und Forstpraxis der LWF
âą Vogelkirsche. auf FloraWeb.de
âą Steckbrief und Verbreitungskarte fĂŒr Bayern. In: Botanischer Informationsknoten Bayerns.
âą Prunus avium L. In: Info Flora, dem nationalen Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora. Abgerufen am 10. November 2015.
âą Thomas Meyer: Datenblatt mit BestimmungsschlĂŒssel und Fotos bei Flora-de: Flora von Deutschland (alter Name der Webseite: Blumen in Schwaben).
âą Vogelkirsche â Die Diva am Waldrand bei Waldwissen.